Löw muss weg! – Oder doch nicht?!

Sicherlich kommt dieser Artikel zur deutschen Nationalmannschaft, 4 Wochen nach dem Finale der Weltmeisterschaft, ziemlich spät, doch wenn die Analyse von Joachim Löw auch erst am 24. August öffentlich gemacht wird, bin ich noch ganz gut in der Zeit.1 Nachdem in der öffentlichen Debatte recht schnell die Entlassung Löw‘s gefordert2 und ein Sündenbock gefunden wurde3, soll sich dieser Artikel um die statistische Analyse des Ausscheidens der Nationalmannschaft drehen. Im Vordergrund steht dabei die These „Joachim Löw ist nur bedingt für das Ausscheiden verantwortlich, da einzelne Spieler außergewöhnlich schlechte Leistungen erbracht haben oder nicht fit waren.“ Die Grundidee war es viele einzelne Hypothesentests für die Spieler durchzuführen, daher werden nur die Stammspieler, also Spieler, die mindestens zwei der drei Spiele von Beginn an bestritten haben, berücksichtigt, da ein Hypothesentest für ein Einzelereignis nicht durchführbar ist.

Ballbesitzeffizienz

Zunächst habe ich mir dazu die Ballbesitzeffizienz der Stammspieler angesehen. Diese Kennzahl habe ich bereits in meinem Artikel zur Jugendarbeit des FC Barcelona verwendet.4 Diese misst, wie effizient ein Spieler mit dem Ball umgeht und wird durch den Anteil der „guten“ Ballkontakte an der Gesamtzahl dieser gebildet. Sie eignet sich daher für Teams, die einen ballbesitzorientierten Fußball spielen. Allerdings lässt sich damit keine Aussage über die Produktivität dieses Ballbesitzes tätigen.
Dabei ergibt sich für die deutsche Nationalmannschaft folgendes5:

Ballbesitzeffizienz Nationalmannschaft

Es zeigt sich, dass an der Spitze Spieler stehen, die allgemein als sehr ballsicher gelten, wie Joshua Kimmich, Toni Kroos, oder Mats Hummels. Die Spieler am unteren Ende, Marco Reus, Thomas Müller und besonders Timo Werner, sind keine ballsicheren Spieler. Es lässt sich also eine Tendenz erkennen, dass defensiv ausgerichtete Spieler eher eine hohe Ballbesitzeffizienz aufweisen und offensiv ausgerichtete Spieler eine niedrige, da der Raum in der Offensive geringer wird und die Ballbehauptung schwieriger wird. Doch trotzdem weist Julian Draxler, als Linksaußen, die vierthöchste Ballbesitzeffizienz in der Nationalmannschaft auf und Sami Khedira, als defensiver Mittelfeldspieler, die viertniedrigste. Zudem sticht der große Abstand Timo Werners zum Rest der Mannschaft ins Auge. Ein Ballbesitzeffizienzwert von 0,67, was „jeder dritte Ballkontakt führt zu einem Ballverlust“ bedeutet, ist meiner Meinung nach einfach zu schlecht. Es soll aber erwähnt werden, dass Mario Gomez als Mittelstürmer der Europameisterschaft 2016 einen ähnlichen Wert hatte.

Hypothesentest: „Waren die Spieler bedeutend schlechter als erwartbar?“

Zudem sollen die Leistungen der Spieler bei der Weltmeisterschaft mit den Leistungen im Vereinsfußball verglichen werden. Mithilfe eines Hypothesentests kann bestimmt werden, ob der Mittelwert mehrerer Beobachtungen (mindestens 2) signifikant, also bedeutend, von dem „wahren“ Mittelwert abweicht.6 Hierzu habe ich die Vereinsleistungen7 der Spieler als „wahren“ Mittelwert angenommen, da bei vielen Spielen, im Rahmen des Gesetzes der großen Zahlen, die Leistungsdaten zum tatsächlichen Spielniveau eines Spielers konvergieren. Es wurde ein zweiseitiger Hypothesentest mit der Normalverteilung auf einem 99%igen Sicherheitsniveau durchgeführt. Das heißt, dass ein als Ausreißer erkannter Wert nur alle 100 Spiele vorkommt.

Ganze 7 Spieler weisen nur eine oder zwei Abweichungen von ihrer Saisonleistung auf. Diese sind Toni Kroos, Joshua Kimmich, Julian Draxler, Mesut Özil, Jerome Boateng, Sami Khedira und Timo Werner. Gerade Sami Khedira dient als gutes Beispiel für die Methodik. Da er ein miserables Spiel gegen Mexiko, aber auch ein gutes gegen Südkorea gemacht hat, ergibt sich im Mittel ungefähr seine Saisonleistung. Auch Timo Werners Leistungen bei der Weltmeisterschaft waren so zu erwarten. Wenn diese also nicht reichen, hätte er nicht aufgestellt werden dürfen. Bei Toni Kroos hätte ich erwartet, dass er signifikant mehr Ballverluste (Dispossesions) gehabt hätte, doch er weist eine Ballverlustanzahl im Rahmen der Saisonleistung auf. Doch da diese in zwei Fällen durch schlechte Absicherung zu einem Gegentor geführt haben, wird der Eindruck getrübt und diese Ereignisse überbewertet.

Da die restlichen Spieler abweichende Leistungen aufweisen, soll darauf noch genauer eingegangen werden. Mats Hummels hat bedeutend weniger lange Bälle gespielt als beim FC Bayern, wodurch er eine bessere Passquote und Ballbesitzeffizienz aufweisen konnte. Zudem hat er eine bedeutend schlechtere Kopfballquote als beim FC Bayern erzielt. Das exakt selbe gilt für Jonas Hector, der ebenfalls weniger lange Bälle spielte, eine höhere Passquote aufwies und weniger Kopfballduelle prozentual für sich entschied. Manuel Neuer hatte eine schlechtere Quote bei langen Bällen und eine schlechtere Fangquote. Allerdings hatte er bei Bayern kein einiges Mal hinter sich greifen müssen. Thomas Müller weist bedeutend weniger Ballverluste, verlorene Dribblings und vergebene lange Bälle auf. Marco Reus hatte eine bessere Passquote und Ballbesitzeffizienz, weniger bestrittene und gewonnene Tacklings und wurde weniger häufig gefoult. Etwas irritiert war ich, dass er kein einziges Dribbling bei dieser Weltmeisterschaft versucht hat, auch wenn er beim BVB lediglich 32% davon gewonnen hatte. Insgesamt lässt sich festhalten, dass keiner der Stammspieler deutlich schlechter gespielt hat, als er im Verein gespielt hätte.

Laufleistung

Im Rahmen meiner Recherche bin ich noch auf etwas sehr Interessantes gestoßen. Die FIFA bietet auf ihrer Website Statistiken zur Laufleistung der einzelnen Spieler an.8 Besonders interessant ist, dass diese dabei in Kilometer mit Ball und Kilometer gegen den Ball aufgeteilt werden. Zudem ergeben diese beiden Werte in Summe nicht die gesamte Laufleistung. Das heißt unnötige Strecken, wie z.B. Torjubel über den ganzen Platz oder Sprints nach dem Abseitspfiff des Schiedsrichters werden nicht berücksichtigt. Zur besseren Einordnung habe ich diese Werte noch auf 90 Minuten umgerechnet. Hierbei ergab sich bei der deutschen Nationalmannschaft folgende Datenmenge:9

 km pro 90 Minutenkm mit Ball pro 90 Minutenkm gegen Ball pro 90 Minuten
Khedira11.065.343.66
Kroos11.205.703.17
Kimmich11.635.933.13
Hummels9.504.153.10
Özil10.104.952.90
Boateng9.474.712.88
Müller11.135.832.83
Draxler10.735.732.80
Werner10.595.452.74
Hector10.695.732.67
Reus10.975.962.49
Neuer5.232.271.40

Die deutsche Nationalmannschaft hat im Schnitt eine allgemeine Kilometeranzahl von 10,64 pro Spiel. Zum Vergleich: Ivan Perisic, der die meisten Kilometer in Summe gelaufen ist, hat 10,28 pro Spiel. Er wäre also in der deutschen Nationalmannschaft unterdurchschnittlich wenig gelaufen. Es kann also davon ausgegangen werden, dass die deutschen Spieler allesamt auf einem ordentlichen Fitnessniveau waren.

Die meisten Kilometer im Ballbesitz hatten die eher offensiv ausgerichteten Spieler der deutschen Nationalmannschaft und die Außenverteidiger. Lediglich Timo Werner und Mesut Özil fallen da etwas raus. Auffällig ist die Laufleistung gegen den Ball. Es zeigt sich, dass eben jene offensiv ausgerichteten Spieler eher wenige Kilometer bei der Arbeit gegen den Ball ableisten. Mesut Özil weist da ironischerweise noch den besten Wert auf, obwohl ihm seit jeher Phlegma und mangelnder Einsatz vorgeworfen werden.10

Taktik als Schlüssel für das Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft

Es zeigt sich hier, meiner Meinung nach, das zentrale Problem der Nationalmannschaft. Der Umgang mit Ballverlusten und die Staffelung bei eigenem Ballbesitz, um gegen Konter abgesichert zu sein. Diese augenscheinliche Schwäche offenbarte sich auch im Packingwert der deutschen Nationalmannschaft, der den zweitschwächsten des Turnieres darstellt.11 Zur Darstellung der taktischen Ausrichtung der deutschen Nationalmannschaft habe ich auf Basis der Heatmaps der einzelnen Spieler bzw. deren häufigste Position auf dem Feld, ergänzt um den Bewegungsraum, eine Grafik erstellt.

Heatmaps der deutschen Nationalmannschaft

Die Grafik des ersten Spieles gegen Mexiko sieht ziemlich chaotisch aus und spiegelt das Spiel wieder. Gegen Schweden wählte Joachim Löw die Variante der Aufbauraute, entgegen aller Vorwürfe mangelnder taktischer Flexibilität12, was gut funktionierte. In der Grafik des Spieles gegen Korea wird, wie gegen Mexiko, das Loch im zentralen Raum vor der Abwehr, also dem Hoheitsgebiet eines klassischen Sechsers, deutlich. Leider hatte sich zuvor Sebastian Rudy verletzt, der diese Rolle gegen Schweden bereits ausfüllte. Mit Sami Khedira und Toni Kroos wurden in den anderen beiden Spielen jeweils Spieler gewählt, die beide den Typus des höherstehenden Achters erfüllen und beide oftmals eine Lücke hinter sich ließen. Diese Mittefeldkombination hatte zwar 2016 noch einigermaßen funktioniert, doch damals spielte Toni Kroos im Verein häufig als tiefster Mittelfeldspieler und war somit ein defensiveres Verhalten gewöhnt. Doch mittlerweile ist Casemiro, der bei Brasilien diese Rolle ausfüllte, bei Real Madrid zum absoluten Stammspieler aufgestiegen, weshalb sich, so vermute ich, Toni Kroos eine offensivere Spielweise angewöhnt hat.13

Fazit

Es zeigt sich, dass die einzelnen Spieler Leistungen gezeigt haben, die auf Basis der Saisonleistungen erwartbar waren. Es macht keinen Sinn, da einzelne Spieler rauszugreifen und als Sündenbock hinzustellen. Für Joachim Löw wird es nun darauf ankommen, in der Zukunft eine Lösung für den Umgang mit Ballverlusten im Umschalten zu finden und verstärkt Spieler zu wählen, die Ballverluste vermeiden. Denn die Kritik an der Personalwahl ist meiner Meinung nach berechtigt, schließlich zeigen auch die vielen Änderungen zwischen den Gruppenspielen, dass Unsicherheit bei der Auswahl der Nationalmannschaft herrschte. Schlussendlich wurden vom DFB bereits Fakten geschaffen und ich finde es verständlich, bei den möglichen Alternativen, am Bundestrainer festzuhalten.14

1. https://sportbild.bild.de/fifa-wm-2018/2018/fifa-wm-2018/fehler-analyse-wm-aus-august-loew-bierhoff-56278066.sport.html
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2. https://www.tz.de/sport/fussball/fussball-wm-ere25907/neuer-bundestrainer-diese-kandidaten-koennten-nachfolger-von-jogi-loew-werden-zr-9989787.html
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3. http://www.spox.com/de/sport/fussball/dfb-team/1807/Artikel/mesut-oezil-tritt-aus-der-deutschen-nationalmannschaft-zurueck.html
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4. http://analysemithirn.de/2017/08/25/barca-schafft-sich-ab/
(abgerufen am 12.08.18)

5. Alle Daten von whoscored.com
(abgerufen am 12.08.18)

6. https://de.wikipedia.org/wiki/Statistischer_Test
(abgerufen am 12.08.18)

7. Es wurden die Attribute Pässe, Dribblings, Ballverluste, Kopfballduelle, Tacklings, Interceptions, Fouls, Schüsse und Tore betrachtet.
Alle Daten von whoscored.com
(abgerufen am 12.08.18)

8. https://www.fifa.com/worldcup/statistics/
(abgerufen am 12.08.18)

9. https://www.fifa.com/worldcup/teams/team/43948/
(abgerufen am 12.08.18)

10. http://www.spiegel.de/sport/fussball/mesut-oezil-bei-der-deutschen-nationalmannschaft-der-leichtfuss-a-1165910.html
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11. https://www.sport1.de/fussball/fifa-wm-2018/2018/07/wm-2018-dfb-team-laut-stefan-reinartz-bei-packing-analyse-zweitschwaechstes-team
(abgerufen am 12.08.18)

12. Zum Beispiel: https://www.youtube.com/watch?v=85db0yuS1sw
(abgerufen am 12.08.18)

13. https://www.whoscored.com/Teams/52/Archive/Spain-Real-Madrid?stageId=12647
https://www.whoscored.com/Teams/52/Archive/Spain-Real-Madrid?stageId=15375
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14. https://www.augsburger-allgemeine.de/sport/fussball/Jogi-Loew-macht-trotz-WM-Aus-als-Bundestrainer-weiter-id51542411.html
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